US-Amerikanerin Kate Russell im Einsatz für LUV Graz

„Speed Signing“ am Flughafen von Washington DC

Die Planungen für die Saison 2013/14 stellten mich als Sportdirektor der LUV Graz-Frauen vor mehrere Herausforderungen. Der kurzfristige Abgang von Chef-Trainer René Berghold war ein Rückschlag für unseren Drei-Jahres-Plan und es taten sich auch beim Kader aufgrund langwieriger Verletzungen mehrere Baustellen auf. Dazu gab es ab sofort mit dem SK Sturm Graz erstmals eine zweite Grazer Mannschaft in der Frauen-Bundesliga, die noch dazu in Sachen Infrastruktur und finanzieller Möglichkeiten in einer ganz anderen Liga spielte.

Es dauerte nicht lange, bis die besten Spielerinnen von LUV Graz von den Verantwortlichen der „Blackies“ kontaktiert und mit Top-Angeboten gelockt worden waren. Damit hatten wir aber schon gerechnet und rechtzeitig vorgebaut. Um unter den Spielerinnen Kontinuität zu gewährleisten, übernahm der bisherige Co-Trainer René Stampler nun mehr Verantwortung und bildete gemeinsam mit dem erfahrenen ehemaligen Spieler und UEFA-A-Lizenz-Inhaber Franz Deutsch das Trainer-Team. Um die Infrastruktur zu verbessern, wurde die Sommervorbereitung im Sport-Zentrum Graz-Weinzödl absolviert. Da am Nebenplatz der GAK nach dem Konkurs mit einer neuen Mannschaft in der 1. Klasse unter Coach Gernot Plassnegger in eine neue Ära der Vereinsgeschichte startete, gab es beim Training mitunter sogar Hunderte Zaungäste.

Die größte Herausforderung war das Zusammenstellen eines schlagkräftigen Kaders. Das Erreichen des ÖFB-Cup-Semifinales in der Vorsaison konnte aufgrund der dünnen Personaldecke schon als mittlere Sensation eingestuft werden und auch in der Meisterschaft waren Spielerinnen, die ursprünglich für die Landesliga-Mannschaft vorgesehen waren, in der Bundesliga teilweise über sich hinausgewachsen. Es galt eine gute Mischung aus Erfahrung und Jugend zu finden, in dem hochtalentierte Nachwuchs-Nationalteamspielerinnen wie Barbara Dunst und Sophie Maierhofer in der Lage waren, ohne zu viel Druck, ihre nächsten Entwicklungsschritte machen zu können. Ihnen sollten Arrivierte zur Seite gestellt werden, um sie in diesem Prozess bestmöglich zu unterstützen.

Mit Taylor McCarter konnte eine defensive Mittelfeldspielerin gewonnen werden, die mit der Arizona State University in einer der stärksten Divisionen der US-College-Liga NCAA gespielt hatte. Ihretwegen kam sogar AZU-Co-Trainer Scott Champ, der früher als Profi in Ungarn gespielt hatte, nach Graz, um sich die Rahmenbedingungen anzuschauen und um die Mannschaft und das Trainerteam kennenzulernen. Ein weiterer Mosaikstein in diesem Puzzle war die Verpflichtung von Spielmacherin Isabella Posch: Die Steirerin hatte LUV-Vergangenheit und hatte maßgeblichen Anteil daran, dass Stadtrivale Sturm Graz den Aufstieg in die Bundesliga geschafft hatte.

Plan B für die LUV-Spielmacherin

Die US-Zugänge Taylor McCarter, Meaghan Dullea & Kate Russell in Graz
Die US-Legionärinnen McCarter, Dullea und Russell am Grazer Schlossberg (Copyright: Andreas Neubauer)
Ankunft von Taylor McCarter am Flughafen Graz
Die Ankunft von Taylor McCarter am Grazer Flughafen (Copyright: Andreas Neubauer)

Die Freude über ihre Verpflichtung war allerdings von kurzer Dauer, denn kurz nachdem wir uns geeinigt hatten, erlitt sie im Saisonfinish eine schwere Knieverletzung. Das Team war geschockt und in die Vorfreude auf die neue Saison mischte sich nun etwas Unsicherheit. Mein Auftrag war klar – eine Spielmacherin musste her. Aufgrund meiner Erfahrungen in der Vergangenheit wusste ich wie schwer es war, erfahrene Österreicherinnen zu einem Wechsel in ein anderes Bundesland zu bewegen und finanziell waren wir in dieser Hinsicht einfach sehr eingeschränkt. Der Plan B, der finanziell einfacher umsetzten war und auch ins Gesamt-Konzept passte, war für die Hinrunde der Saison 2013/14 für die frei gewordene Position eine weitere Amerikanerin zu holen.

Das Timing hätte nicht besser sein können, denn wenige Tage nachdem sich Posch verletzt hatte, saß ich schon im Flugzeug für einen Scouting-Trip in die USA, der sich vor allem auf die Ostküste konzentrieren sollte. Nach der Landung in Philadelphia ging es mit dem Mietauto zum „Total Turf Experience“-Komplex in New Jersey, einem gigantischen Fußball-Trainingszentrum, wo ich auf Matt Driver traf, seines Zeichens ehemaliger Profi in Deutschland und England bzw. Ex-Chef-Trainer des MLS-Klubs New England Revolution. Inzwischen war er von der sportlichen Seite mehr auf die Business-Seite des Fußballs gewechselt und war verantwortlich für die Gründung mehrerer nordamerikanischer Klubs und Ligen. In seinem Portfolio war mit Philadelphia Fever auch der Ex-Klub des ersten US-Zugangs in der Geschichte von LUV Graz, Molly Allen.

Matt lebte Fußball, er kannte gefühlt jeden, der im „US Soccer“ Rang und Namen hatte und der Keller seiner imposanten Villa war gefüllt mit Fußball-Memorabilia. So interessant seine Geschichten über seine Zeit als Profi auch waren, ich durfte den Fokus meiner Reise nicht aus den Augen verlieren. So nahm ich die Spielerinnen des aktuellen Philadelphia Fever-Teams, das in der W-League vertreten war, bei zwei Trainingseinheiten genauer unter die Lupe, aber ein „Zehner“ oder „Achter“ stachen dabei nicht hervor. Bevor ich meine Reise Richtung Süden fortsetzte, redete ich noch mal mit Matt und er versprach, er würde sich umhören.

Ein Transfer in einer eigenen Liga

Er hielt sein Versprechen. Ich war gerade in Virginia als sein Name auf meinem Handy-Display aufleuchtete. „Es gibt da eine Spielerin in der NWSL, die ist unzufrieden, weil sie gerade nicht zum Spielen kommt. Sie wäre interessiert, aber du musst jetzt schnell handeln“, meinte Matt. Ich war geflashed, denn ich hatte damals nicht einmal im Traum daran gedacht, dass eine Amateur-Liga wie die österreichische und ein kleiner Amateurklub wie LUV Graz für Spielerinnen aus der eben erst neu-gegründeten US-Profi-Liga, der National Women’s Soccer League, eine Option sein würden. „Sie weiß schon, dass wir ihr nicht mehr bieten können als den anderen Spielerinnen, wie eine Unterkunft bei einer Gastfamilie und einen kostenlosen Deutsch-Kurs?“ fragte ich ihn noch immer etwas ungläubig. „Tut sie. Sie möchte einfach gerne in Europa spielen.“ Das war mein erster Kontakt mit Kate Russell, Spielerin des NWSL-Teams Boston Breakers.

Von dem Moment an führte ich ein Spiel gegen die Zeit. Zuerst musste die „Due Diligence“ durchgeführt werden, was in dem Fall ein genauer Blick auf Statistiken und ein paar ihrer Spiele auf Video war. Dazu kamen noch einige YouTube-Interviews aus ihrer College-Zeit bei der University of Colorado, wo sie – wie ich ermitteln konnte – auch mehrmals auf Neo-LUV-Spielerin Taylor McCarter als Gegnerin getroffen war. Nach einer kurzen Abstimmung mit den LUV-Verantwortlichen in der Heimat, erfolgte das erste Gespräch mit Russell übers Telefon. Matt hatte offensichtlich einen guten Job gemacht, denn sie klang definitiv sehr interessiert und bat mich ihr noch mehr Infos über den Klub, die Liga und die Stadt per E-Mail zuzuschicken.

Es dauerte nicht allzu lange bis ich sie wieder am Telefon hatte. „Klingt alles gut. Ich habe auch schon mit dem Klub wegen der Freigabe geredet und das geht für sie in Ordnung. Können wir uns morgen persönlich treffen, um alles zu fixieren?“ So kam es dazu, dass ich wenige Stunden später im Auto von Virginia Beach in Richtung Washington DC saß. Genauer gesagt war ich unterwegs zum Ronald Reagan Washington National Airport, wo ihr Flug aus Boston landen würde. Quasi ein Meeting auf halbem Weg. Wir trafen uns in einem „Starbucks“ gleich im Ankunftsbereich des Flughafens. 45 Minuten, zwei Caffé Latte, einen Flat White und einen Cappuccino später hatte LUV Graz seine neue Spielmacherin und ich die erste Verpflichtung einer Spielerin aus einer Profi-Liga unter Dach und Fach gebracht.

 

Beitrags-Foto: © Peter Altenbacher

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